Tibetischer Schamanismus

 

Die Menschen Tibets spürten in der Landschaft schon immer die Gegenwart höherer, mächtiger Kräfte. Sie wussten, dass ihr Land von unsichtbaren Göttern, Lokalgottheiten, Geistern und Dämonen bewohnt war, die Berge, Pässe und Seen bewachten und sogar in ihren Häusern wohnten.

Insbesondere die Berggottheiten waren für das religiöse und soziale Leben dieses Kulturraums von größter Wichtigkeit. Die Ursprünge dieses Glaubens reichen weit in vorbuddhistische Zeiten zurück.

Seit Anbeginn der menschlichen Besiedlung unseres Planeten war eine der Hauptanliegen seiner Existenz, die Auseinandersetzung mit der Natur. Bevor Religionen mit ihrer Betonung auf spirituelle Befreiung ins Leben der Menschen traten, lebte er in einer Welt der Magie und magischer Praktiken. Die Wurzeln dieser Praktiken liegen im Schamanismus und Animismus , deren Ursprünge bis ins Paläolithikum oder sogar bis in die Frühzeit der Menschheit zurückreichen. In ihr sind die Naturphänomene (Berge, Wolken, Blitz, Wasser u.a.) durch eine innewohnende Macht oder mit einer treibenden Kraft beseelt, die es zu befrieden und zu kontrollieren galt.

Innerhalb der menschlichen Gemeinschaften übernahm diese wichtige Aufgabe der Schamane. Ein Schamane ist ein Magier oder auch „Priester“, der mittels seiner Energien imstande ist, die von Geistern bewohnte Umwelt zu manipulieren und seine Kräfte zum Wohle seiner Mitmenschen einzusetzen. Er kann auf diese Weise Krankheiten heilen, die Elemente beeinflussen, die Zukunft vorhersagen, eine Seelenbegleitung durchführen, ist Mittler zwischen den Sphären der Götter und Menschen. In seinen Visionen überschreitet der Schamane die Grenzen zwischen seinem inneren Wesen und der äußeren Umwelt – sie sind ganzheitlich und vorrational.

 

Tanzender Schamane

 

Im Laufe der Zeit löste der Mensch sich aus der Einheit mit der Natur und verlor mehr oder weniger seine ganzheitliche Weltsicht. Für diesen sehr langsamen und fließenden Übergang, lassen sich äußere Phänomene, wie z. B. soziale oder ökonomische Veränderungen durch Handel, Sesshaftigkeit (Hochkulturen) sowie die Vermehrung von Wissen verantwortlich machen – es kam zu einer Trennung zwischen dem Selbst und dem Anderen. In dem Masse also, in dem er sich aus seiner ganzheitlichen Wahrnehmung entfremdete und löste, nahmen seine begrifflichen Fähigkeiten zu und damit auch sein Ich. In den entstehenden frühen Religionen entstanden der Erlösergedanke und der monotheistische Gott, der die zerbrochene Einheit wieder herstellen sollte.

Im frühen vorbuddhistischen Tibet nannte man die Schamanen Bon-pos. Das tibetische Wort Bon (deutsch:Bön) bedeutet beten, singen, beschwören, murmeln, demnach ist ein Bon-po ein Beschwörender oder Singender. Des Weiteren bedeutet Bon im übertragenen Sinne auch „Weg des Lebens“ und „das grundlegende Gesetz „. Dieses frühe archaische Weltbild wurde später durch den systematisierten Bön (Yungdrung Bön) in Tibet modifiziert.

 

Die Kosmologie der Schamanen/ Bön-pos gliederte sich in drei große kosmische Regionen, die von drei verschiedenen Lebensformen bewohnt werden: Im Himmel als oberste Sphäre leben und herrschen Götter und Geistwesen; in der Mitte befindet sich der Lebensraum der Menschen, Tiere und Pflanzen, und in der Unterwelt leben die Dämonen, Totengeister und Schlangen. Alle Ebenen waren mit dem einen Seil, Mutag, miteinander verbunden. Dieses Konzept, das nicht nur in Tibet und im Himalaya-Raum sowie in Süd- und Südostasien bekannt ist, beeinflusste auch das europäische Denken.

 

 

Nagas Unter Göttern bzw. Geistwesen versteht man in diesem Zusammenhang neben den eigentlichen Göttern, Yul (Yül) Lha oder Lamo, auch die Dämonen, Dre, sowie eine Vielzahl von Geistern. Im unteren Bereich leben die Halbgötter, Schlangengeister, die Nagas. Insbesondere die Lha spielen als Schutzgötter im Leben der Tibeter eine bedeutende Rolle. Diese weißen himmlischen Wesen gelten immer als gütig. In diesem Zusammenhang kann man auch von Seelen sprechen, da das tibetische Wort „Lha“ Seele bedeutet. Unter dem Begriff Seele versteht der Tibeter nicht nur einen der Bausteine, die einen Menschen neben Körper, Sprache und Herz ausmachen, sondern auch Charakter, Gemüt und Bewusstsein eines Menschen.

 

Neben den Einzelseelen, zeichnen sich die Lha als väterliche und mütterliche Ahnen für den Fortbestand der Familien oder Sippen verantwortlich So ist z.B. der P`o lha der Ahnenvatergeist und der Mo lha der Ahnmuttergeist. Die auf diese Art vergöttlichten Ahnen nahmen ihre Wohnstatt auf Bergen ein, die so eine sakrale Bedeutung erlangten – der Berg wurde zum Ursprungsort des Stammes. Hierher kehrten sie dann auch nach ihrem Tode zurück: im vorbuddhistischen Tibet wurden insbesondere die Schamanen, als Mittler zwischen den Welten, auf den heiligen Bergen bestattet. So glauben die sikkimesischen Lepschas, „dass der gütige Gott-Schöpfer Taschething aus dem Eis seiner Gletscher das Ahnenpaar ihres Stammes formte, den Mann Furongthing und seiner Frau Nazongnyu. Über die Moränenfelder des Konglo Tschu (Kangchenjunga) streift der geheimnisvolle Schneemensch – den die Lepschas als den Gott der Jagd verehren-, und hinter seinen Eiswällen liegt das Reich der Toten“. (1)

 

Wegen der immensen Größe des Landes und der damit verbundenen Vielzahl an Sippen und Stämmen, gibt es eine entsprechend große Vielzahl von heiligen Bergen. Der bekannte Tibetologe René von Nebesky-Wojkowitz bemerkt dazu:“ Es gibt kaum einen Gipfel in Tibet, der nicht als Wohnsitz eines Berggottes oder einer -göttin betrachtet würde.“ In der Heimatverbundenheit der Tibeter wird die Bedeutung der heiligen Berge als Sippenursprung ebenfalls deutlich. So ist die Lebenskraft, bla, als ein wichtiger Teil der Seelenvorstellung, eines Menschen, einer Sippe oder ganzen Volkes untrennbar mit einer bestimmten Örtlichkeit, bla-gnas, verbunden.

 

Diesen Bergen wird ein besonderer Respekt entgegengebracht der, wie beispielsweise in Amado, sich in einer besonders respektvollen Namensgebung ausdrückt. Hier tragen gleich dreizehn Berge den Titel Amnye (A-myes), ehrwürdiger Ahn, oder Amne – Grossvater, was die Bedeutung des Berges und des Berggottes unterstreicht und zu einer gewissen Verwirrung führt (z. B. Amnye Manchen oder Amnye Nyenchen). In Amdo hielt sich übrigens auch am längsten die Rolle eines Berges als Ahnengottheit. Die hier lebenden Ngolok-Nomaden leiten ihren Ursprung von dem mächtigen kriegerischen Berggott Manchen Porma ab, der seinen Wohnsitz auf dem heiligen Berg Amnye Manchen hat. Häufig bilden heilige Berge mit Seen ein Götterpaar, wobei der Berg mit seinem phallischen Habitus den männlichen Teil und der flache See den weiblichen Teil darstellt – der See ist so quasi die Shakti des Berggottes ( z. B. der Gott Nyenchen Thanglha mit der Seegöttin Gyajin Semo Namtso, des Sees Tengri Nor). Ihnen sind auch die entsprechenden männliche bzw. weiblichen Attribute wie beispielsweise Speer und Vase, Pfeil und Spiegel zugeordnet.

 

In der Regel waren fast alle dieser zu den Himmlesgöttern zu rechnenden Berggottheiten, Nyen oder Noijin, auch Kriegsgottheiten bzw. Dralhas, was soviel wie „Schutzgeist gegen Feinde“ bedeutet, oder auch wie beim Kangchenjunga, Götter des Reichtums. Die kriegerische Heerführerstruktur der Oberhäupter (Stammesahnen) innerhalb der nomadischen Hirtenvölker wurde auf die Charaktere der Berggottheiten übertragen. Des Weiteren waren die heiligen Berge und deren Götter durch ihren Einfluss auf Klima, Fruchtbarkeit und Regen wichtige Nahrungsspender und für die Ernten und damit für den Wohlstand der Bewohner verantwortlich. Hier ist insbesondere der heilige Berg Kangchenjunga (Kangchendzönga) als heiligster Achttausender mit seinem gleichnamigen Berggott zu nennen. Er wird mit dem Vaisravana/Kubera, dem Gott des Reichtums und bedeutenden Dharmapala identifiziert.

 

 

Der Dharmapala Vaisravana/Kubera

 

Die große Bedeutung dieser Ahnenschutzgeister zeigt sich nicht nur im Schamanismus oder im alten tibetischen Volksglauben, sondern auch im später systematisierten Bön (Yungdrung Bön) und natürlich in den späteren buddhistischen Schulen. Durch die Verschmelzung von Volksglauben und speziellen örtlichen Gegebenheiten mit den quasi importierten Weltanschauungen, wurden diese „Ahnen“ in die neuen Lehrsysteme wie den systematisierten Bön und den aufkommenden Buddhismus integriert bzw. übernommen.

Dass diese Integration nicht immer freiwillig vonstatten ging, beweisen zahllose Legenden, in denen die alten Berggötter sich der Bekehrung widersetzten und sich den buddhistischen Missionaren in den Weg stellten. In ihrer Typologie sind sich diese Legenden alle ähnlich: Die der buddhistischen Lehre feindlich gesonnenen Berggötter oder Dämonen fallen die fremden Zauberer und Yogis wuterfüllt an und fordern diese zu einem Kampf heraus, in dessen Verlauf die alten Götter durch die magischen Kräfte der Zauberer und Yogis besiegt werden. Insbesondere “ Padmasambhava verwandelte somit vom buddhistischen Standpunkt aus die „unheilvollen “ Berge in segensreiche und ihre bösen (weil Bön)- Geister in Schutzgottheiten der neuen Religion“. (2) (Yarlha Shampo, Nyenchen Thanghla)

 

 

Die Lokapalas Dhritarashtra

und Virupaksa (rechts) Von diesen örtlichen Schutzgeistern entwickelten sich dann nur die mächtigsten zu Landesschutzgeistern, gZhibdag oder sogar „Weltenbeschützern“ `Jig-rten paí -srung-ma. Durch die großen kulturellen Unterschiede Tibets, erlangten vier Berggötter beziehungsweise fünf, wenn man den Berg im Zentrum mitrechnet, im mythischen Yarlung-Tibet einen besonderen Status und hoben sich in ihrer Bedeutung von den anderen ab. In ihrer räumlichen Aufteilung, die den vier Himmelsrichtungen entsprach, wurden sie zu den wichtigen Lokapalas, Beschützern der Welten. Zu diesen vier heiligen Bergen gehören die

Gipfel des Nyenchen Thanglha, Yarlha Shampo, Kula Kangri und des Nöjikangsang; der fünfte Berg im Zentrum, der Öde Gunggyal (Ode Gunggyel), existiert als Urkönig oder Urahn, wird aber nicht in allen Quellen erwähnt. Dieses System bezieht sich auf Zentral-, bzw. Südtibet und ist nicht starr festgelegt, sondern, bedingt durch regionale Traditionen, politische Macht oder historische Entwicklung durchaus variabel. Allen gemeinsam ist jedoch die Tatsache, dass sie schon zu Zeiten der alten Bön-Religion eine zentrale Rolle spielten. So ist auch ein jüngeres Vierersystem überliefert, in dem neben den schon erwähnten Nyenchen Thanglha und Yarlha Shampo auch der Manchen Pomra und der Tise (Kailash) erwähnt werden, auch existieren Ordnungssysteme mit dem Öde Gunggyal als Vater von acht Bergschutzgeistern, zusammen die „Neun Geister der Weltschöpfung“.

 

Aber nicht alle Berge wurden assimiliert. Obwohl die wichtigsten Berggötter und heiligen Stätten der Bön-pos vom Lamaismus eingenommen wurden, werden sie heute dort wieder mehr oder weniger akzeptiert (Kailash, Amnye Machen) Dennoch sind den Bön-pos sakrale Berge, wie dem Bönri und Targo Kangri, geblieben, die in erster Linie ihnen vorbehalten sind

(1) Nebesky-Wojkowitz, René von, Wo Berge Götter sind, DVA, 1955

(2) Hoffmann, H., Mila Raspa, Otto Wilhelm Barth Verlag, 1950

 

Quelle: Internet; Gruschke, A., Die heiligen Stätten der Tibeter, Diderichs; Gratzl, K, .Mythos Berg, Hollinek; Schuster, G., Das alte Tibet, NP; Nicolazzi, M. A., Mönche, Geister und Schamanen, Walter Verlag; Nebesky-Wojkowitz, René von, Wo Berge Götter sind, DVA; Hoffmann, H., Mila Raspa, Otto Wilhelm Barth Verlag

Die Bön Religion

 

Auch heute noch ist wohl kaum eine andere Region unserer Erde mit einer derart lebendigen Spiritualität umgeben wie Tibet – und das trotz der Besetzung durch die Chinesen 1959.

In der Regel wird Tibet mit der buddhistischen Religion in Verbindung gebracht, aber schon vor und neben dem Buddhismus gab es eine Religion, die Bön (Boen) oder Bon genannt wurde, deren Wurzeln bis in die Frühzeit der Menschenheit zurückreichen. Eng verflochten ist die Bön-Religion mit dem geheimnisvollen Königreich Zhang Zhung im westtibetischen Hochland, in dem der eigentliche Relgionsgründer Tönpa Shenrab Miwoche aus dem Paradies auf die Erde stieg.

Der Bön ist die eigentliche, ursprüngliche Religion Tibets und wurde im 8. Jahrhundert durch das Aufkommen des Buddhismus verdrängt. Beide Religionen befruchteten und beeinflussen sich in der Folgezeit gegenseitig, wobei sich der Buddhismus durchsetzte und zur Staatsreligion Tibets wurde. Trotz dieser Dominanz konnte sich der Bön bis in die heutige Zeit erhalten und erlebt – wie in alten Prophezeiungen vorausgesagt – eine Renaissance.

 

Aber was ist Bön eigentlich? Diese Frage ist schwer zu beantworten, denn Bön ist uralt, fast vergessen und birgt deshalb viele Geheimnisse, Widersprüche und Ungereimtheiten. Im Grossen und Ganzen lässt sich die Entwicklung des Bön in drei Phasen einteilen:

  1. Phase – Der ursprüngliche Bön
  2. Phase – „Ewige Lehre“ oder Yungdrung Bön
  3. Phase – Der neue Bön

Auf den ersten Blick sind Bön und Buddhismus weitgehend gleich, sie unterscheiden sich aber stark in Hinsicht auf Mythologie, Kosmologie und vor allem im Hinblick auf die Geschichtsauffassung. Auch äußerlich werden erst bei genauem Hinsehen Eigenheiten deutlich. Im Gegensatz zu den Buddhisten, umrundet der Bön-Po heilige Monumente entgegen dem Uhrzeigersinn. Die Kleidung unterscheidet sich vor allem durch den Einsatz der blauer Farbe und eines typischen weissen Hutes mit blauen Streifen; weiter gibt es Unterschiede im Stil der Gesänge und Mantren sowie in der Ikonographie mit ihren Heiligen und Gottheiten.

 

Der ursprüngliche Bön

 

Dieser Abschnitt steht generell für die vorbuddhistische Zeit und lässt sich salopp als „Volksglauben“ aus tibetischer Vorzeit umschreiben. Die Ursprünge liegen im Schamanismus Nordasiens und der animistischen Magie, deren Wurzeln bis ins Palöolithikum oder sogar bis zu den Ursprüngen der Menschheit zurückreichen. In ihr sind die Naturphänomene (Berge, Wolken, Blitz, Wasser u.a.) durch eine innewohnende Macht oder mit einer treibenden Kraft beseelt. Der Schamanismus ist keine eigenständige Religionsform und wurde in ganz Innerasien praktiziert. Schamanen sind Menschen, die mittels ihrer außergewöhnlichen Begabung Kontakt mit anderen Daseinsformen aufnehmen können. Als „Priester“ fingiert dabei der Schamane. Er stellt sein Können in den Dienst der Gemeinschaft, er heilt Krankheiten, trifft Weissagungen oder sieht Nahrungsquellen.

Noch heute wird diese Form unter einigen wenigen Himalaya-Stämmen (z.B. den Tamang in Nepal) sowie bei einzelnen Jägervölkern in den Weiten der sibirischen Steppe praktiziert. Heilrituale stehen im Mittelpunkt dieser frühen Phase, auch die Gebetsfahnen und Geisterfallen stammen aus dieser Zeit. Diese Rituale und Bräuche wurden Bön genannt, und die Priester, die diese schamanistischen Rituale durchführten, hießen Bön-pos (Bön-pos). Die Rituale waren vielfältig, stark verknüpft mit dem lokalen Glauben, speziellen

 

Schamanen in Nepal

Gebräuchen und Gottheiten mit regionalen Unterschieden.

 

Jeder Landstrich, jeder Berg hatte einen lokalen Hauptgott, einen Bergahnen. Insbesondere die Berge, die der Bergahne durch Herabkunft in Anspruchgenommen hat, gewinnen eine besondere religiöse Bedeutung. Somit werden diese Berge quasi zur Seele des Landes und zeigen sich für den Schutz der dort lebenden Menschen verantwortlich.

 

„Ewige Lehre“ oder Yungdrung Bön / Svastika- Bön

Gemäß der Tradition des Yungdrung Bön (Yung – Drung – Bön), geht ihr Ursprung auf den erleuchteten Meister Tönpa (Tonpa) Shenrab Miwoche zurück, der im westtibetischen Königreich Zhang Zhung die Erde betrat.

Für die Bön-Pos, den Anhängern des Bön, ist sein Status mit dem des Buddha Sakyamuni, dem Gründer des Buddhismus vergleichbar. Sie glauben, dass Buddha Sakyamuni Tönpa Schenrabs Schüler Tamba Thoka war. Dieser erhielt alle Unterweisungen, Einweihungen und Überlieferungen von Tönpa Schenrab und wurde darauf nach Indien gesandt, um dort die damals vorherrschenden falschen Ansichten zu korrigieren.

 

 

Tönpa Shenrab Miwoche

 

Aus diesem Grunde schenken die Yungdrung Bön-Pos den eigentlichen Lehren des Buddha Sakyamuni Glauben und respektieren ihn. Die Lehren Shenrab Miwoches sind in verschiedenen Sutras, den Lehren der Vollendung der Weisheit, die Tantras und das Höhere Wissen eingeteilt. Der Yungdrung Bön (Ewiger Bön) hat eine eigene, sehr differenzierte Metaphysik, Philosophie und Kosmologie, sowie einen umfangreichen schriftlichen Kanon – der vollständige Kanon umfasst 200 Bände. Inhaltlich ist diese Phase des Bön durchaus als buddhistisch zu bezeichnen, da dieselben Inhalte auch mehr oder weniger im tibetischen Buddhismus zu finden sind, der sich ja auf seine indische Herkunft beruft. Schenrab Miwoche verbreitete, basierend auf dem Gesetz des Karmas (Ursache und Wirkung), die Lehre des Mitgefühls und der Liebe, reformierte die alten Sitten und Riten und sprach sich damit gegen die üblichen Blutopfer aus.

Ein besonderes Merkmal dieser zweiten Phase ist die Umwandlung der Lokalgottheiten des urtümlichen Bön in Meditationsgottheiten oder Schützer der Bön-Lehre. Diese wurden von Shenrab Miwoche in ähnlicher Weise unterworfen, wie später wiederum die Bön-Gottheiten von Padmasambhava und Milarepa. Während des 8.-9. Jahrhunderts wurde die Tradition des Yungdrung Bön nicht in großen Klöstern, sondern über verheiratete Lamas innerhalb von Familienlinien transmittiert.

 

Der neue Bön / Bönpo Sarma

Aus der Verbindung zwischen Bön-Philosophie, Yungdrung Bön und Buddhismus, insbesondere der Nyingmapa Tradition, entwickelte sich ab dem 11. Jahrh die dritte Tration, der neue Bön. „Zur Zeit des Königs Trisong Detsen wurden viele Schriften und Anweisungen sowohl der Bön-Tradition als auch indisch-buddhistischer Herkunft von Vairotschana gesammelt und zusammengefasst. Der König war mit dem Vermischen der Traditionen nicht einverstanden. Er wollte einen klaren und reinen Buddhismus, ohne den Einbezug einer anderen Tradition. Da diese Texte und Schriften nicht erlaubt waren, wurden sie versteckt und erst im 14 Jh. wieder entdeckt. Diese Texte werden ‚terma‘ genannt und es gibt sie immer noch. Würde jemand fragen, zu welcher Tradition diese Texte gehören, müsste man sie als Bön-Texte bezeichnen. Ihr Ursprung ist jedoch nicht traditionell Bön, doch ebenso wenig sind sie Nyingma. Diese Texte unterscheiden sich in Bezug auf Ursprung und Kontext. Aus diesem Grund wird diese neue Tradition, die eine Mischung von altem Bön und Buddhismus darstellt, als Neuer Bön (Bönpo Sarma) bezeichnet“, so Lopön Tenzin Namdakzu dieser Phase des Bön.

Geisterfallen

Wer einmal im Gebirge gewandert ist und Gipfel erstiegen hat, weiß, was Bergeinsamkeit ist, und wie nah man sich dort der Natur und der Allmacht Gottes verbunden fühlt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn die Tibeter – deren Täler etwa in der Höhe des Großglockners liegen – mit ihren Geistern, Göttern und Dämonen eng verbunden sind. Sie sind in ihren Ursprüngen älter als der Buddhismus und spielen auch heute noch eine beachtliche Rolle. Gottheiten wie im abendländischen Denken gibt es jedoch nicht. Die Tibeter wurden nicht zum Buddhismus bekehrt, sondern die Bevölkerung integrierte ihn mit seinen zahlreichen im Geist entstandenen Wesen – ihre Gesamtzahl wird einschließlich aller ihrer Erscheinungsformen auf sechzigtausend geschätzt4 – in ihre Geisteswelt. Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele, wie wir noch sehen werden. Jeder Berg, jeder Bach, jedes Tier und natürlich auch die Menschen haben ihre Geister und Gottheiten, die sie beschützen. Es gibt auch den großen Versucher Mara mit einer ganzen Schar von kleinen Versuchern in seinem Gefolge, den bösen Geistern. Das mag uns aufgeklärten Menschen der Neuzeit zunächst absurd vorkommen. Doch wenn wir hierüber nachdenken, wird uns bewusst, dass der tibetische Buddhismus im Volksglauben teilweise stark von den Vorstellungen vorbuddhistischen Denkens durchdrungen ist. Da verwundert es nicht, wenn unter anderem die Trägheit, die uns daran hindert, etwas Vorgenommenes in die Tat umzusetzen, symbolhaft einem bösen Geist zugeschrieben wird. Wer weiß nicht, wie es zum Beispiel in uns zwackt, zu viel erhaltenes Wechselgeld nicht wieder zurück-zugeben. Das sind die „bösen Geister“. Wir sehen hieraus, dass die Symbolik den Buddhismus im tibetischen Raum sehr lebendig und wirkungsvoll macht, und wir müssen versuchen, ihre Ausdrucksformen zu verstehen und beim Studium dieser Kultur nie außer Acht zu lassen. Wenn wir uns dessen bewusst geworden sind, dann verstehen wir auch das Vorhandensein von „bösen Geistern“, vor denen man sich schützen muss. So befinden sich auf Gebirgspässen die Ladse, die meist nur aus einem Haufen loser Steine bestehen, aus denen Stangen mit Gebetsfahnen herausragen. Nur auf Pässen, die viel überquert werden, sind einige Steine mit Mörtel aufeinander gefügt. Sie sind die Heimstätten von Schutzgottheiten. So gibt es auch vor Klöstern und auf Dächern sowie an Wohnhäusern Bauwerke beziehungsweise Gegenstände, die der Abwehr von Geistern und Dämonen dienen.

Ein Ladse auf einem vielbe-nutzten Pass

 

Vor verschiedenen Klöstern befindet sich eine Heimstatt des Dorje Cugdan, einer Schutz-wesenheit schrecklichen Aussehens, die in einem Lhato wohnt. Dieses Bauwerk wurde aus dem Schamanismus entlehnt, wo gleichartige Gebäude Darstellungen des Weltenbaues waren. Mit dem Aufkommen des Buddhismus erfuhren die drei Etagen mit dem Pfahl, der aus der Spitze des Bauwerkes herausragt, eine Umdeutung und wurden zum Symbol des Kosmos mit seinen drei Bereichen Himmel, Luftraum und Erde.2 Ähnlich dem Lhato ist ein Lhatswo gebaut. Das Bauwerk dient ebenfalls einer Schutzwesenheit zur Heimstatt und zur Geisterabwehr; mitunter sind auf ihm Darstellungen von ihr zu sehen. Sie hat ein furchterregendes Gesicht mit drei wild dreinblickenden Augen und einem aufgerissenen Rachen mit gefährlichen Reißzähnen, ein wirklich angsteinflößendes Bildnis, dem wir noch oft begegnen werden. Hier fragt man sich, warum wird eine „Gottheit“ so drastisch dargestellt, wenn es sich noch um eine „gute“ handelt? Ihre Aufgabe ist es, alles Böse abzuwehren, also muss sie furchterregend aussehen, damit sie die bösen Geister erschreckt und diese den Ort meiden. – Am Lhatswo sind an allen vier Ecken und an der Mittelspitze Gebetsfahnen an Stangen angebracht.

Ferner ist um die Spitze in der Mitte ein dichter Kranz aus Wacholdergestrüpp zu sehen. In ihm sollen sich die bösen Geister fangen.

 

Ein Lhato, die Heimstatt einer Schutzgottheit     Ein Lhatswo, in dem ebenfalls eine Schutzgottheit beheimatet

ist

 

Eine andere Art von Geisterfallen, die ebenfalls einen Rest alter schamanischer Lebensformen darstellt, ist ein Fetisch aus strohähnlichem Material, der wie ein Tierkopf mit zwei Hörnern geformt ist. In ihn ist mitunter die Schädeldecke eines Tieres eingearbeitet. An seinem anderen Ende befindet sich ein aus Stöcken und Fäden gearbeitetes Fadenkreuz, in dem sich wiederum die bösen Geister fangen sollen.

Eine aus Fäden hergestellte Geisterfalle in einem Kloster

 

Auf den Dächern der Klöster sieht man oft – wie auch in Händen zornvoller im Geist entstandener Wesen – einen Tricula, einen Stab mit einem Dreizack (ähnlich der Neptunsgabel) an der Spitze, auf einem Totenschädel, dessen hohläugiges Gesicht vom Kloster weg in das Land gerichtet ist. Auch sie dienen zur Abwehr des Bösen. Der Tricula wurde aus dem Hinduismus übernommen. Er war das Emblem des Civa und stellte die Einheit der drei Gottheiten: Brahma, den Weltschöpfer, Visnu, den Welterhalter und ihn, den Weltzerstörer, dar. Im Buddhismus ist das Attribut zum Symbol für die Überwindung der Drei Grundübel oder geistigen Gifte: Gier, Hass und Unwissenheit/Wahn (Ichwahn) geworden, – oder es wird gleich der Triratna (Drei Kostbarkeiten oder Juwelen) als ein Symbol für Buddha, die Lehre und die Mönchsgemeinde angesehen.

Ein Tricula, die der Abwehr von bösen Geistern dient

Ferner dienen auch Hörner von Steinböcken und Widdern oder gar gehörnte Tierköpfe zur Abwehr des Bösen. Diese Fetische sind an Wohnhäusern, auf Lhatos liegend sowie vor und in Tempeln zu sehen. Ja, selbst eine tote Fledermaus, die in dem Schutzgottheitentempel eines Klosters zu finden ist, dient der Abwehr böser Geister.

Gehörn von Tieren in einem Schutzgottheitentempel, das böse Geister fernhalten soll

 

Diese Form der Geisterabwehr kannte man gelegentlich auch früher noch bei uns in der Lüneburger Heide an Scheunentoren entdeckt.

Eine weitere Schutzmaßnahme stellt das schwarzgraue Einfassen von Fensteröffnungen sowie von Nischen dar, in denen sich Mani-tschö-khors (Gesetzesräder) befinden. Schwarz und Dunkelblau sind die Farben vieler Schutzwesenheiten, und so benutzt man sie auch hierfür. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang interessant zu wissen, dass in Marokko „im Großen Süden“ zum gleichen Zweck die Einfassungen der Fenster weiß getüncht werden und dort auch Silber-schmuck, da er hell und glänzend ist, zur Geisterabwehr getragen wird.

 

Und schließlich gibt es in den Bergen rothaarige Kobolde (tsan), die nachts ihr Unwesen treiben. Zu ihrer Abwehr werden kleine Steinpyramiden (tsandog) errichtet, die oft rot angestrichen werden. Demselben Zweck dienen auch rote Dreiecke oder Punkte und insbesondere rote „Strichmänner“, die an die Hauswände gemalt werden und zum Teil auch Waffen tragen. Diese Maßnahmen sollen alle unter Umständen kommenden Kobolde glauben machen, dass schon andere von ihnen dort am Werke seien und sie veranlassen, sich an anderer Stelle ein Betätigungsfeld zu suchen.

 

 

 

Fadenkreuz und Geisterfallen

 

Der Ursprung der Fadenkreuz-Magie verliert sich in der Geschichte…

In einfacher Ausführung wurden Fadenkreuze von den Schamanen als magische Gebilde und Geisterfallen verwendet.

Erst die Bön-Priester entwickelten die von ihnen als Dö bezeichneten Fadenkreuze zu einem magischen Instrumentarium besonderer Wirksamkeit.

Dieses Wissen wurde von den Buddhisten übernommen.

Ein Fadenkreuz besteht aus zwei oder auch mehreren gekreuzten Holz- oder Bambusstäben mit dazwischengesponnenen bunten Wollfäden. So entstehen verschiedene geometrische Figuren, die Spinnennetzen nicht unähnlich sind. Diese können rhombisch, quadratisch oder auch sechs- oder achteckig sein.

Meist dienen sie dem magischen Schutz einer Örtlichkeit, an der sie mit hohen Stangen aufgestellt werden.

Daneben gibt es eine Vielzahl anderer Fadenkreuze, die ja nach ihrer Bestimmung auch zur Abwehr von Krankheiten, zur Vermehrung des Wohlstandes und sogar zur Verlängerung des Lebens dienen können.

Für große öffentliche Zeremonien in den buddh. Tempeln werden bis zu etwa 3 Meter hohe Konfigurationen aus Fadenkreuzen hergestellt, die dann Gottheiten und Boddhisattvas als Wohnstatt diesen. Und so dienen diese Gebilde mit den Opfergaben dazu, den Geist des Buddhismus zu ehren und zu festigen.

 

Als Geisterfallen sind die Dö dort unübertroffen. So gibt es spezielle Zeremonien, welche z.B. darauf abzielen, Störgeister in solche Fallen zu beschwören und diese, nachdem die Fallen besetzt wurden, zu zerstören. Die Dö´s werden mit Speiseopfern umgeben, um die durch die Luft schwirrenden Dämonen anzuziehen. Zumeist werden dann solche Wesenheiten in diesen Fallen gefangen. Mit Beschwörungen, gesungenen Mantras halten die Lamas die Dämonen fest (auch Bön-Priester machen dies so), und egal wie sich diese Wesenheiten mühen, sie kommen aus den Fallen nicht mehr heraus.

Nach einiger Zeit werden die Fadenkreuze niedergerissen zerstört und verbrannt. Überbleibende Fäden werden auch aufbewahrt und als Amulette verwendet.

 

Quelle: Das alte Tibet – von Gerhard W. Schuster